Kapitel 5 - Leben in der Bergarbeiterstadt

Die Arbeiterstadt Penzberg verdankt ihre Entstehung allein dem Kohlebergbau ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie war das Ergebnis einer sehr raschen, aber nicht weiter ins Umland ausstrahlenden Industrialisierung. So entstand Penzberg als ein Fremdkörper in der jahrhundertealten bäuerlich-klösterlichen Kulturlandschaft des Pfaffenwinkels.

Da der Bergbau nicht auf Arbeitskräfte einer gewachsenen Gemeinde zurückgreifen konnte, mußte der Betrieb der Grube auf die Anwerbung auswärtiger, erfahrener Bergleute setzen. Sie kamen vor allem aus den habsburgischen Kronlanden: Böhmen, Kroatien, Slowenien, aus Ober-Österreich, der Lombardei (Nord-Italien), aus Kärnten und der Steiermark; doch auch aus Oberbayern, der Oberpfalz und Oberfranken.

Das rasche Wachstum des Bergbaus zwischen 1865 und 1890 war nur möglich durch diesen Zuzug, so daß schnell Wohnraum geschaffen werden mußte. In den Jahren 1873 bis 1875 entstand mit gut sechzig Mehrfamilienhäusern die Kolonie.

Das Bergwerk zog Arbeiter an – doch es kamen Menschen, die hier eine Lebenschance für sich erwarteten. Diese erste Generation der Penzberger Bergarbeiter gründete bald Familien oder holte die Angehörigen nach. Weitere soziale Einrichtungen wurden schnell erforderlich.

Das Leben in der Kolonie war geprägt durch weitgehend identische Erfahrungen bezüglich Arbeit und Lohn, Wohnung, Versorgung. Es bildete sich ein spezielles berufs- und ortsbezogenes Gruppenbewußtsein heraus. Der Gegensatz zum bäuerlichen Umland sowie das Fehlen weiterer Industrien verstärkten diesen Zug.

Die Chemie der Penzberger Pechkohle, der Umstand, daß sie nicht in Koks gewandelt werden konnte, ließ keine weitere Schwerindustrie vor Ort entstehen. Die Penzberger Arbeiterschaft war also nur von einem Großbetrieb abhängig, in sich also nicht differenziert. Sie von keiner Konkurrenz und keiner gewachsenen Struktur relativiert.

Der dauernde Arbeitskampf um die Löhne, die Schichtdauer und Arbeitszeiten, um vom Bergwerk verordnete Feier- bzw. Überschichten, oftmals um den Arbeitsplatz selbst, ließ eine soziale Gegnerschaft zwischen Bergwerk und Arbeitern entstehen.

Hier standen Weltbilder einander gegenüber: Die konservative Vorstellung der Belohnung oder Zurücksetzung der Arbeiter je nach Leistung und Verhalten sowie den eigenen, wirtschaftlich bescheidenen Möglichkeiten der Zeche stand der sozialistischen Vorstellung von Ansprüchen der Arbeiter und ihrer Durchsetzung gegenüber.

Die unzureichenden sozialen Einrichtungen, die immer schlechte Wohnsituation und die oftmals mangelhafte Ernährung waren Ansporn für die Arbeiterschaft, in eigener Regie die Lebensbedingungen zu verändern. Eine starke Arbeiterbewegung entstand. Das Vereinswesen, die Gemeindepolitik, eine umfassende Solidarität aus Verwandtschafts-, Nachbarschafts- und Arbeitsbeziehungen regelte das soziale Leben der Kleinstadt. Die Kehrseite waren tiefe Gräben, wenn diese Solidarität einmal gesprengt war. Starke soziale Kontrolle, sei es vom Bergwerk, sei es von den eng beieinander lebenden Mitbürgern her, bestimmte den persönlichen Freiraum.

Der 1878 gegründete „Bergmanns-Verein in Penzberg“, der die von außerhalb mitgebrachte bergmännische Tradition einführen sollte, konnte sich gegen die Vereine der Arbeiterkultur und Sozialdemokratie nicht behaupten und hinterließ außer dem Kreuz auf dem Friedhof keine Spuren. Auch der heutige, Jahre nach der Bergwerksschließung gegründete Bergknappenverein kam nicht aus der Arbeiterschaft.

Solidarität nicht Tradition war für die Penzberger Bergleute der sozial bestimmende Faktor.

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